Die Rothmühle
Ein Stück Hilderser Geschichte
Die Rothmühle bei Hilders, in älteren Quellen zunächst als „Rotmühle“ bezeichnet, blickt auf eine mehr als 350-jährige Geschichte zurück. Ihre Entwicklung ist eng mit verschiedenen Müllerfamilien, wirtschaftlichen Veränderungen und den wiederkehrenden Hochwassern der Ulster verbunden.
Ursprünglich als Ölmühle genutzt, entwickelte sich die Rothmühle später zu einer Mahl- und Schlagmühle. Über Generationen hinweg war sie ein wichtiger Ort des Handwerks und der regionalen Versorgung. Besonders prägend war die lange Verbindung mit der Familie Zinn, die im Jahr 1867 begann und erst mit dem Verkauf des Anwesens im August 2026 endete. Um 1850 trug die Rothmühle die Hausnummer 180, später die Hausnummer 181.
Die ersten Nachrichten über die Mühle
Die Geschichte der Rothmühle lässt sich bis in die Zeit um 1650 zurückverfolgen. Damals erscheint sie in Verbindung mit der Familie Scharfenberger und wird als Ölmühle bezeichnet. Vermutlich diente sie zu dieser Zeit hauptsächlich dazu, aus ölhaltigen Saaten Öl zu gewinnen.
Um 1700 gelangte die Mühle an Limpert, der Barbara Scharfenberger geheiratet hatte. Er erwarb die Ölmühle von den Erben des Johann Matthäus Schneider, dessen erste Ehefrau Rosina Scharfenberger gewesen war.
Aus dem Jahr 1730 ist außerdem eine testamentarische Verfügung überliefert. Darin wurden 10 Gulden für die Errichtung eines Bildstocks an einem Wegkreuz bestimmt. Solche Stiftungen waren in der katholisch geprägten Rhön nicht ungewöhnlich. Sie dienten dem Gedenken an Verstorbene und waren zugleich Ausdruck des religiösen Lebens.
Woher stammt der Name Rothmühle?
Für die Entstehung des Mühlennamens ist eine Nachricht aus dem frühen 18. Jahrhundert besonders interessant. Im Jahr 1707 wird Johann Herget vom Rommersrain als Besitzer der Mühle genannt. Eine bemerkenswerte Notiz im Kirchenbuch erklärt die Bezeichnung „Rotmüller“ damit, dass Johann Herget den Beinamen „der Rote“ getragen habe.
Es liegt daher nahe, dass sich aus diesem Beinamen allmählich der Name „Rotmühle“ entwickelte. Die zuvor überwiegend als Ölmühle bezeichnete Anlage erhielt damit ihren späteren Eigennamen. 1738 übernahmen Johann Hergets Sohn Johann Adam Herget und dessen Ehefrau Barbara, geborene Stocker aus Oberfladungen, die Mühle.
Eine weitere Veränderung des Namens lässt sich für das Jahr 1773 nachweisen. Damals heiratete Johann Klüber aus der Schwarzen Gasse die Tochter Margarethe. In den dazugehörigen Aufzeichnungen erscheint erstmals die Schreibweise „Rothmühle“ mit „h“. Bei einer Taufe im Jahr 1778 werden Johann und Margaretha Klüber, geborene Herget, erneut erwähnt.
Ein ungewöhnlicher Fall aus dem Jahr 1817
Ein bemerkenswertes Zeugnis aus der Familiengeschichte der Rothmühle ist ein öffentlicher Aufruf des Königlich Bayerischen Landgerichts aus dem Jahr 1817.
Gesucht wurde Simon Gregor Klüber, ein Sohn von Johann und Margaretha Klüber. Er hatte Hilders bereits 17 Jahre zuvor verlassen und war als Lackierer nach Frankfurt gegangen. Seitdem war keine Nachricht über seinen Verbleib eingegangen.
Auf Antrag seiner Angehörigen wurde er öffentlich aufgefordert, sich innerhalb von vier Monaten zu melden und sein unter Vormundschaft stehendes Vermögen in Empfang zu nehmen.
Der Aufruf zeigt, wie eng persönliche Familiengeschichten und wirtschaftliche Besitzverhältnisse damals miteinander verbunden waren. Das erwähnte Vermögen belief sich auf 775 Gulden und 33½ Kreuzer.
Vor bereits 17 Jahren entfernte sich Gregor Klüber, 39 Jahre alt, von hier, als seiner Geburtsstätte, begab sich als Lackierer nach Frankfurt, und ist seit dessen Entfernung von dessen Leben oder Tode keine Nachricht eingegangen.
Auf Ansuchen dessen Anverwandten wird derselbe oder sonst etwaigen Leibeserben hiermit edictaliter vorgeladen, binnen 4 Monaten umso gewisser da hier zu erscheinen, und das unter Kuratel stehende Vermögen im Betrage zu 775 fl. 33 1/2 kr. in Empfang zu nehmen; als dasselbe denen Anverwandten gegen Kaution ausgehändigt werden wird.
Hilders, den 8. Jänner 1817.
Königl. baier. Landgericht.
Stell: Geißmann, L. G. Actuar.
Die Rothmühle als Mahl- und Schlagmühle
Auch in den folgenden Jahrzehnten findet die Rothmühle immer wieder Erwähnung in den örtlichen Akten. Im Jahr 1794 werden in einem Streit vor dem Ortsgericht Johannes und Anna Catharina Klüber, von Beruf Müller, gemeinsam mit einer Hohmann vom Sandenhof genannt. Bei der Auseinandersetzung ging es um ein Wegerecht.
Der Streit verdeutlicht, wie wichtig geregelte Zufahrten und Nutzungsrechte für den Betrieb einer Mühle waren, die außerhalb des eigentlichen Ortskerns lag.
Eine besonders aufschlussreiche Nachricht stammt aus dem Jahr 1811. Im Zusammenhang mit einer Zwangsvollstreckung gegen den Müller Johannes Leonard Weber und dessen Ehefrau Anna Maria, geborene Reinhard, wurden ihre Besitzungen aufgelistet. Dazu gehörten neben der Mühle auch verschiedene Ländereien, deren Schätzwerte in rheinischen Gulden angegeben wurden.
In diesen Unterlagen wird die Rothmühle ausdrücklich als „Mahl- und Schlagmühle“ bezeichnet. Das bedeutet, dass dort zu dieser Zeit sowohl Getreide gemahlen als auch Ölfrüchte verarbeitet wurden. Die Mühle erfüllte damit unterschiedliche Aufgaben für die Versorgung der Bevölkerung. Durch die Geburt ihres Sohnes Joannes ist die Familie Weber bereits ab dem Jahr 1801 auf der Rothmühle nachweisbar.
Schwere Hochwasser und große Zerstörungen
Das Wasser der Ulster war für die Rothmühle zugleich Lebensgrundlage und ständige Gefahr. Einerseits lieferte es die notwendige Kraft zum Betrieb des Mühlwerks. Andererseits konnten starke Regenfälle und Hochwasser innerhalb kurzer Zeit erhebliche Schäden verursachen. Besonders deutlich zeigte sich dies im 19. Jahrhundert.
Im Jahr 1848 wird Gottfried Surkfüll als Besitzer der Rothmühle genannt. Bereits im folgenden Frühjahr, 1849, traf ihn ein schweres Unglück. Bei einem Hochwasser wurde das gesamte Mühlwerk fortgerissen. Auch der Mühlgraben wurde erheblich beschädigt. Für einen Müller bedeutete eine solche Zerstörung nicht nur hohe Reparaturkosten. Solange die Anlage nicht wieder betriebsfähig war, fehlte zugleich die Grundlage für seinen Lebensunterhalt.
Nur wenige Jahre später wurde die Rothmühle erneut von einem schweren Hochwasser getroffen. Im Jahr 1852 wurden beide Mühlwehre stark beschädigt. Die Schäden waren offenbar so beträchtlich, dass die Königliche Regierung von Unterfranken eine Sammlung zur Unterstützung veranlasste. Diese Ereignisse zeigen, unter welchen schwierigen Bedingungen die Menschen damals ihre Mühlen betrieben und wie stark ihre wirtschaftliche Existenz von den Naturgewalten abhing.
Die Familie Zinn auf der Rothmühle
Um 1854 werden Ludwig Eilhauer und dessen Witwe Johanna Conrad, stammend aus Eisfeld, im Zusammenhang mit dem Besitz der Rothmühle genannt. Eine für die weitere Geschichte entscheidende Verbindung entstand im Jahr 1867. Damals heiratete Bernhard Zinn aus Philippsthal die Karoline Conrad, eine Tochter Johanna Conrads. Mit dieser Heirat begann die lange Geschichte der Familie Zinn auf der Rothmühle.
Über mehrere Generationen hinweg blieb das Anwesen mit der Familie verbunden. 1894 folgten Wilhelm Zinn und seine Ehefrau Maria, geborene Kirchner aus Neuswarts. Im Jahr 1924 übernahmen deren Sohn Ludwig Zinn und seine Ehefrau Else, geborene Neumann aus der Ulstermühle, die Rothmühle. Durch diese Verbindung kamen zwei alte Müllerfamilien beziehungsweise Mühlenstandorte zusammen.
1955 ging die Rothmühle an Karl Zinn und seine Ehefrau Anni, geborene John aus Schweidhof bei Tann, über. Karl Zinn war der letzte Müller der Rothmühle, der dort noch Getreide mahlte. Später wurde der Mühlenbetrieb auf elektrischen Strom umgestellt. Ihm folgte schließlich sein Sohn Bernhard Zinn, der das Anwesen gemeinsam mit seiner Ehefrau Anita weiterführte.
Das Ende einer langen Familiengeschichte
Mit dem Verkauf der Rothmühle im August 2026 endete ein bedeutender Abschnitt ihrer Geschichte. Nach mehr als anderthalb Jahrhunderten ging damit auch die lange Verbindung der Familie Zinn mit dem Anwesen zu Ende. Die Rothmühle hatte in dieser Zeit zahlreiche Veränderungen erlebt: den Wandel der Mühlentechnik, wechselnde wirtschaftliche Bedingungen und die zunehmende Bedeutung neuer Antriebsformen. Was einst als wasserbetriebene Mühle begann, wurde über Generationen hinweg an neue Anforderungen angepasst.
Die Rothmühle ist weit mehr als ein ehemaliger Mühlenstandort.
Ihre Geschichte reicht von der Ölmühle des 17. Jahrhunderts über die spätere Mahl- und Schlagmühle bis in die Gegenwart. Wechselnde Besitzerfamilien, Heiraten, Erbschaften, wirtschaftliche Schwierigkeiten und immer wieder schwere Hochwasser bestimmten über Jahrhunderte ihr Schicksal. Zugleich erzählt die Rothmühle von den Menschen, die hier lebten und arbeiteten, von ihren familiären Verbindungen und den Herausforderungen des Müllerhandwerks. Ihre Geschichte ist damit ein bedeutendes Stück Hilderser Handwerks-, Familien- und Ortsgeschichte, das sich über mehr als dreieinhalb Jahrhunderte verfolgen lässt.

